Ganzheitliche Begleitung beim Stillen mit zu wenig Milch.

Hilfe, ich habe keinen Milcheinschuss!

Als Milcheinschuss bezeichnet man den Zeitpunkt, an dem Mütter das Gefühl haben, dass sich die Brust nach Geburt des Babys erstmalig mit Milch füllt. Anzeichen sind vollere, schwerer Brüste, sowie stark durchblutetes, angeschwollenes Gewebe und ein Auslaufen von Kolostrum oder Muttermilch. Manche Frauen spüren in den ersten 2-5 Tagen allerdings keinen Milcheinschuss. Woran das liegen kann, was es für das Stillen bedeutet und wie du den Milcheinschuss fördern kannst, erfährst du in diesem Artikel.

Warum ist der Milcheinschuss notwendig?

In der zweiten Schwangerschaftshälfte beginnen Frauen, in ihren Brüsten Milch zu produzieren. Diese erste, gelbliche Milch nennt man Kolostrum. Sie ist sehr wertvoll für das Baby, da sie beispielsweise den Aufbau des noch unreifen Immunsystems fördert. Diese erste Phase der Milchbildung nennt man Laktogenese I.

Nach der Geburt des Babys wird durch die Geburt der Plazenta (Nachgeburt) wird die Bildung der weißen reifen Muttermilch in Gang gesetzt, die das Baby für die folgenden 2 Wochen ernährt. Diesen Vorgang nennt man Laktogenese II. Die Milch verändert sich dabei in den ersten 32-40 Stunden nach der Geburt in ihrem Gehalt an Salz, Zucker und Proteinen. Das Gefühl des Milcheinschusses kann als klinischer Indikator dafür dienen, dass die Laktogenese II begonnen hat.

Das bedeutet nicht, dass ein plötzlicher, schmerzhafter Milcheinschuss die notwendige Voraussetzung dafür ist, dass Milch für das Baby gebildet wird. Er ist eher ein Symptom, und äußert sich oft in spannenden Brüsten, angeschwollenem Gewebe und einem Auslaufen der Milch. Manche Frauen spüren den Milcheinschuss nicht plötzlich, sondern graduell. Und schmerzhaft muss es auch nicht sein. Wichtig ist, dass das Baby genug Milch bekommt: Die WIndeln sollten nasser werden, der Stuhlgang heller und reichlicher, und das Baby sollte auf seiner Gewichtskurve bleiben.

Welche Symtome gibt es beim Milcheinschuss?

Die am häufigsten genannten Symptome für den Milcheinschuss sind:

  1. Angeschwollene Brust
  2. Auslaufende Milch (nasse Kleidung)
  3. Sichtbar austretende Milch
  4. Verhalten des Babys ändert sich (z.B. wirkt es zufriedener)
  5. Völlegefühl der Brust
  6. Kribbeln in der Brust

Vielleichst bemerkst du deinen Milcheinschussauch kaum – zum Beispiel, weil du dein Baby regelmäßig angelegt hast und kein überschüssiges Wasser im Körper hast (was zum Beispiel nach Infusionen während der Geburt passieren kann). Manche Frauen stillen erfolgreich, ohne das typische Gefühl des Milcheinschusses zu haben.

Welche Faktoren spielen eine Rolle, damit es zum Milcheinschuss kommt?

Der Milcheinschuss ist ein Symptom für das Einsetzen der Laktogenese II. Es ist noch nicht abschließend geklärt, welche Hormone genau welche Rolle dabei spielen. Man weiß aber, dass ein starker Abfall von Progesteron Trigger ist, der den Milcheinschuss auslöst, und dass gleichbleibendene Prolaktin- und Cortisolspiegel nötig sind, damit der Trigger effektiv ist. Der Abfall von Progesteron setzt ein, sobald die Plazenta (Nachgeburt) geboren wurde. Allerdings muss das Brustdrüsengewebe in der Schwangerschaft hormonell ausreichend vorbereitet worden sein, damit dieser Trigger die Milchproduktion in Gang setzt. Glucocorticoide und Insulin sind im Hinblick auf ihre Rolle beim Milcheinschuss noch nicht ausreichend untersucht. Aber sie spielen wahrscheinlich eine Rolle beim Transport von Nährstoffen zum Brustdrüsengewebe.

Im Körper arbeiten also verschiedene Hormone in einem komplexen Wechselspiel zusammen, um die Produktion der reifen, reichlichen Muttermilch anzustoßen. In der Zwischenzeit wird das Baby mit kleinen Mengen an Kolostrum ernährt. Manche Wissenschaftler vermuten, dass gerade diese kleinen Mengen an Kolostrum einen wichtigen Zweck erfüllen: nämlich die Oberflächen des Atmungs- und Verdauungstrakts effektiv mit den Lymphozyten und Antikörpern aus dem Kolostrum zu benetzen, die das Immunsystem so stark unterstützen. Und dass größere Mengen an Muttermilch diesen Effekt gar nicht so gut erzielen könnten.

Nach wie vielen Tagen kommt endlich der Milcheinschuss?

Eine Übersichtsarbeit zeigt, dass der Milcheinschuss im Durchschnitt 50 bis 73 Stunden nach der Geburt einsetzt, das heißt 2-3 Tage nach der Geburt. Betrachtet man aber nicht die Mittelwerte, sondern die Einzelfälle, so dauert es 1 bis 148 Stunden nach der Geburt bis zum Milcheinschuss.

Frauen mit einem BMI von über 30 haben im Durchschnitt erst nach 85 Stunden ihren Milcheinschuss. Es gibt auch sehr vereinzelte Berichte von Frauen, die erst nach 14 Tagen ihren Milcheinschuss haben. Luteinzysten können den Milcheinschuss auch auf bis 31 Tage nach der Geburt verschieben. Aber das sind Extremfälle.

Von einem verspäteten Milcheinschuss spricht man, wenn es mehr als 72 Stunden dauert, bis der Milcheinschuss da ist.

Wichtig ist für Mütter zu wissen, dass es normal ist, dass nicht sofort nach der Geburt viel Milch da ist. Das Baby hat anfangs einen minikleinen Magen und braucht in den ersten Tagen nur wenig Muttermilch. Zufüttern sollte eine Mutter nur in Absprache mit der Hebamme und dem Kinderarzt. Aber sollte der Milcheinschuss tatsächlich länger auf sich warten lassen, ist es besonders wichtig, täglich mit der Hebamme in Kontakt zu sein. Dann könnt ihr gemeinsam schauen, ob ihr das Baby mit zusätzlichem Wasser oder Säuglingsnahrung unterstützen müsst.

Warum kommt der Milcheinschuss verspätet?

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb der Milcheinschuss verspätet kommen kann. Es gibt drei wesentliche Faktoren, die das beeinflussen können: Stress während der Wehen und Geburt (das kann man auch im Nabelschnurblut anhand eines erhöhten Norepinephrin-Wertes nachweisen), Probleme bei der Blutzuckerregulation (erhöhter Glucose-Wert im Nabelschnurblut) und nicht ausreichend vorbereitetes Brustdrüsengewebe der Mutter.

Dazu passend wurden in verschiedenen Studien folgende Risikofaktoren für einen verspäteten Milcheinschuss identifiziert:

  • Verbleibt ein Plazentarest in der Gebärmutter, dann stört das den für den Milcheinschuss notwendigen hormonellen Ablauf (Abfall des Progesterons).

Bedeutet ein verspäteter Milcheinschuss, dass das Baby zu wenig Milch bekommt?

Zunächst einmal ist dein Baby mit deinem Kolostrum gut aufgestellt. Lässt der Milcheinschuss allerdings auf sich warten, kann es sein, dass dein Baby zu wenig Flüssigkeit und/oder zu wenig Energie bekommt. Deshalb solltest du täglich gemeinsam mit der Hebamme schauen, ob es nötig ist, kurzfristig ein wenig Wasser oder Säuglingsnahrung zu geben, damit dein Baby gut gedeiht. Ob du nach dem Zeitpunkt des Milcheinschusses auch zu wenig Milch haben wirst, kann noch keiner wissen.

Wenn du einen verspäteten Milcheinschuss hast, steigt allerdings dein Risiko, zu wenig Milch in der Frühphase des Wochenbetts zu haben. Manche Frauen, bei denen der Milcheinschuss spät kommt, füttern zu oder stillen ab, bevor das Baby 4 Wochen alt ist.

Etwas umstritten ist allerdings die Frage, ob schon der verspätete Milcheinschuss ein Anzeichen dafür ist, dass Frauen auch später weniger Milch haben – oder ob nur das notwendige frühe Zufüttern dazu führt, dass Frauen auch später mehr zufüttern oder ganz abstillen.

Eine Studie aus Guatemala hat den Enfluss eines späten Milcheinschusses auf den Stillerfolg untersucht. I dieser Studie führte ein frühes Zufüttern nicht zu einem verspäteten Milcheinschuss. Umgekehrt mussten Frauen mit verspätetem Milcheinschuss aber oft schon in der ersten Lebenswoche zufüttern und beendeten das Vollstillen schon früher als Frauen, die keinen verspäteten Milcheinschuss haben.

Andere Forscher sind sich nicht sicher, ob ein verspäteter Milcheinschuss tatsächlich der Grund ist, dass Frauen auch später weniger Milch haben, oder ob sie nur das Gefühl beibehalten, zu wenig Milch zu haben.

Grundsätzlich haben also Frauen mit einem verspäteten Milcheinschuss ein erhöhtes Risiko, auch später zuzufüttern oder früher Abzustillen.

Aber das bedeutet nicht automatisch, dass du auch später zu wenig Milch haben wirst, wenn dein Milcheinschuss verspätet kommt.

Wie kann ich den Milcheinschuss fördern?

Der Milcheinschuss wird durch ein Zusammenspiel aus verschiedenen Hormonen eingeleitet. In der Schwangerschaft wird deine Brust bereits hormonell vorbereitet, und mit der Geburt der Plazenta wird die Bildung der reifen Muttermilch angestoßen. Du kannst im Wesentlichen versuchen, dem Milcheinschuss nicht im Weg zu stehen, indem

  • du dich ausruhst und unnötigen Stress vermeidest,
  • auf deinen Tag-Nacht-Rhythmus achtest (dazu gehört auch, nachts auf unnötiges Licht und Bildschirme zu verzichten),
  • und natürlich dein Baby ganz viel anlegst, genießt und kuschelst.

Den Milcheinschuss mit Lebensmitteln fördern

Den Milcheinschuss fördernde Lebensmittel gibt es leider nicht. Der einzige bekannte Zusammenhang zwischen Ernährung und einem verspäteten Milcheinschuss besteht beim Hormon Insulin. Störungen im Insulinstoffwechsel sind vermutlich der Grund, weshalb diabetische und übergewichtige Mütter häufiger einen verspäteten Milcheinschuss haben. In den 80er und 90er Jahren ging man davon aus, dass die Höhe des frei zirkulierenden Insulin und Glucose (Blutzucker) dabei eine wesentliche Rolle spielen. Wäre das so, dann könnte es hilfreich sein, mit der Ernährung den Blutzuckerspiegel unter Kontrolle zu halten. Allerdings deuten neuere Studien darauf hin, dass der gestörte Insulinstoffwechsel einen direkten Einfluss auf die Milchbildungszellen haben könnte: Fehlende Insulinrezeptoren könnten die Entwicklung des Brustgewebes schon während der Schwangerschaft stören.

Den Milcheinschuss in der Schwangerschaft fördern

Vor der Geburt kannst du den Milcheinschuss noch nicht fördern, da er erst nach der Geburt der Plazenta in Gang gesetzt wird. Aber es ist dennoch möglich, schon während der Schwangerschaft Maßnahmen zu ergreifen, um einen verspäteten Milcheinschuss zu vermeiden.

Dazu gehört zum einen eine Ernährungsweise, die den Blutzuckerspiegel reguliert, insbesondere wenn du an Schwangerschaftsdiabetes leidest. Wenn du dich mehr damit beschäftigen möchtest, kann ich dir dieses Buch von Lily Nichols empfehlen, die auch einen sehr informativen Blog hat (leider nur auf englisch) und auch ein Buch zum Thema Ernährung bei Gestationsdiabetes (auch leider auf englisch) geschrieben hat.

Zum anderen gehört dazu auch, dich gut auf die Geburt vorzubereiten. Je mehr Stress und Interventionen bei einer Geburt auftreten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für einen verspäteten Milcheinschuss. Die beste Anlaufstelle dafür ist deine Hebamme, die mit dir den Geburtsverlauf und deine Fragen dabei besprechen kann. Du kannst beispielsweise auch positive Geburtsberichte lesen, da sie helfen zu verstehen, wie eine schöne, stressarme Geburt ablaufen kann (von negative Geburtsberichten rate ich ab, da sie nur unnötig Angst machen können). Auch die Wahl eines geeigneten Geburtsortes (z.B. Geburtshaus, oder ein Krankenhaus, in dem wenige Interventionen vorgenommen werden) kann den Geburtsverlauf sehr stark beeinflussen.

Milcheinschuss fördern mit Tabletten

Es gibt Medikamente, die die Milchproduktion in Gang setzen, wenn der Körper es nicht von alleine tut (wie etwa wenn eine Mutter ein Neugeborenes adoptiert). Dazu gehören beispielsweise Domperidon und Metoclopramid. Diese Medikamente werden biologischen Müttern allerdings erst dann verschrieben, wenn behebbare mögliche Ursachen für das Ausbleiben des Milcheinschusses ausgeräumt worden sind. Daher eignen sie sich nicht, um kurzfristig den Milcheinschuss zu fördern.

Was tun, wenn der Milcheinschuss nicht kommt?

Es kommt nur sehr selten vor, dass eine Frau keinen Milcheinschuss hat. Es ist eher wahrscheinlich, dass der Milcheinschuss nicht als solcher wahrgenommen wird.

Das Gewicht dein Babys sollte täglich kontrolliert werden, am besten von der Hebamme. Zusätzlich solltest du das Baby auf Anzeichen für Dehydrierung kontrollieren. Verliert dein Baby zu viel Gewicht oder dehydriert, wird es nötig sein, in Absprache mit der Hebamme zuzufüttern. Lies meinen sehr ausführlichen Artikel darüber, wie du ungewolltes Abstillen vermeiden kannst.

Du kannst dir vom Kinderarzt oder von deinem Frauenarzt eine elektrische Doppelmilchpumpe zum Verleih aus der Apotheke verschreiben lassen. Durch regelmäßiges Abpumpen zwischen den Stillmahlzeiten regst du deine Milchproduktion an. Die kleinen Mengen an Muttermilch, die du gewinnst, kannst du zum Beispiel mit einem Löffel stillfreundlich zufüttern. Das ist neben dem Anlegen des Babys an deine Brust die effektivste Maßnahme, um die Milchbildung zu fördern.

Lass dich unbedingt ärztlich untersuchen. Durch einen Ultraschall der Gebärmutter kann deine Fauenärztin herausfinden, ob ein Stück der Planzenta noch in der Gebärmutter verblieben ist. Auch Testosteron produzierende Luteinzysten können ursächlich sein.

Wenn all das nichts nützt, gibt es die Möglichkeit, in Absprache mit deiner Hebamme und deinem Arzt medikamentös auf die Milchbildung einzuwirken. Dafür eignen sich beispielsweise die Medikamente Domperidon und Metoclopramid, die aber auch unerwünschte Nebenwirkungen haben können.

Schließlich kann es auch sein, dass du zu den wenigen Frauen gehörst, die nicht stillen können. Das kann eine große Enttäuschung bedeuten, wenn du dir das Vollstillen von Herzen gewünscht hast. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Ich wünsche dir, dass du einen Weg für dich findest, versöhnt mit dieser Situation umzugehen.

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