Wirklich? Oder können doch alle Frauen stillen, wenn sie sich nur ausreichend anstrengen?
Tatsache: Rund um das Thema Stillen gibt es enorm viele Unsicherheiten.
Viele, viele Mütter haben sowohl vor als nach der Geburt Zweifel darüber, ob sie voll stillen können.
Es sind so viele, dass es einen medizinischen Fachbegriff dafür gibt: perceived low milk supply. (auf Deutsch übersetzt etwa: „Empfundener Milchmangel“ oder „Vermeintlicher Milchmangel“).
Und dieser perceived low milk supply ist sogar einer der häufigsten Gründe, weshalb Mütter zufüttern bzw. zu früh abstillen. (Was ich mit „zu früh“ hier meine: Vor dem Ende des 6. Lebensmonats, wie es die WHO als Mindestdauer des Vollstillens empfiehlt.)
Die Gründe, weshalb so viele Frauen Unsicherheiten bezüglich ihrer Milchmenge haben, sind vielfältig, aber ganz gewiss hat es etwas damit zu tun, dass in den 1940er und 1950er Jahren Säuglingsnahrung populär wurde. In Folge dessen haben nämlich viele Mütter nicht gestillt. Oft, weil sie glaubten, dass Säuglingsnahrung besser als Muttermilch wäre (was nachweislich falsch ist). Die Mythen und Glaubenssätze übers Stillen sind über die letzten beiden Generationen weitergetragen worden und zeigen sich noch heute in den Selbstzweifeln vieler Mütter.
Und leider werden immer noch viele dieser Mütter vom medizinischen System (und auch von ihrem Umfeld) „verraten“: Sie bekommen nicht die passenden Rahmenbedingungen und die Hilfe, die sie bräuchten, um erfolgreich zu stillen.
In diesem Sinne stimmt es: viele Frauen können nicht stillen, weil sie nicht die dafür nötige Unterstützung bekommen.
Und am anderen Ende der Wahrheit steht dann noch die Tatsache, dass es wirklich Mütter gibt, die aus physiologischen Gründen zu wenig Muttermilch haben (in extrem seltenen Fällen auch gar keine).
Und egal, wie viel Unterstützung diese Frauen bekommen, egal, wie sehr sie sich anstrengen – die Muttermilch reicht nicht aus.
Und das betrifft, wegen zunehmender Hormon- und Stoffwechselstörungen, über die letzten Jahrzehnte sogar immer mehr Mütter.
Übrigens bin ich auch selbst betroffen. Ich habe 5 Babys, die ich alle mit Säuglingsnahrung großziehen musste, weil ich zu wenig Milch habe. Manche dieser Babys habe ich übrigens trotzdem erfolgreich gestillt.
Deshalb ist das ein Thema, das mich wirklich umtreibt.
Lies weiter, wenn du glaubst, selbst betroffen zu sein.
Wie viele Frauen können nicht stillen?
Leider ist die Frage nicht so leicht zu beantworten, weil die Studienlage so schlecht ist.
Deshalb nähern wir uns dieser Frage aus der anderen Richtung:
In Deutschland wollen etwa 90% der Mütter ihr Baby stillen. Doch obwohl die durchschnittliche Stilldauer etwa 8 Monate beträgt, wird nur etwa jedes 8. Kind bis zum 6. Monat voll gestillt. (Obwohl die WHO empfiehlt, Babys 6 Monate lang voll zu stillen.)
Das heißt, dass die allermeisten Babys schon im ersten Lebenshalbjahr Pre-Nahrung bekommen.
Warum werden so extrem viele Babys zugefüttert?
Wenn man die Mütter direkt fragt, ist der häufigste Gund dafür: Zu wenig Milch.
Und dann gibt es noch die Mütter, gar nicht mit dem Stillen beginnen, obwohl sie es geplant hatten. Auch hier ist „zu wenig Muttermilch“ der am häufigsten genannte Grund. Das betrifft etwa 64% der Mütter, die eigentlich stillen wollten.
Aber haben sie wirklich zu wenig Milch, oder haben sie nur zu wenig Unterstützung?
Überall gibt es ein Bombardement mit Zahlen. Je nachdem, wo du nachliest, erfährst du, dass 1%, 5% oder 10-15% der Mütter physiologisch nicht in der Lage wären, voll zu stillen.
Meistens sind das unbelegte Behauptungen. Denn: es gibt kaum Belege.
Es gibt nämlich zwar extrem viele Studien, in denen die Mütter befragt werden, warum sie abgestillt haben oder zufüttern.
Ich kenne aber nur eine zwei Studien, in denen wirklich genau hingeschaut wurde:
In einer Studie aus dem Jahr 1958 wurden 892 frisch entbundene Mütter beim Stillen unterstützt. Hatten sie wenig Milch für ihr Baby, wurde ihnen geraten, die Brust mittels einer Muttermilchpumpe anzuregen.
Diese Studie kam zu dem Schluss, dass etwa 6% der Mütter deutlich zu wenig Muttermilch für ihr Baby hatten – und zwar auch nachdem sie gute Unterstützung beim Stillen bekommen hatten.
In der zweiten Studie aus dem Jahr 1990 wurden 319 gesunde Frauen begleitet. In dieser Studie konnten 15% der Frauen, trotz intensiver Unterstützung, nicht genug Milch für ihr Baby bereitstellen.
Ursachen für zu wenig Milch
Es ist nämlich wahr. Manche Mütter können auf den Kopf stellen, Globulis, Malzbier, Stilltee, Akupunktur und sonst noch was versuchen und dennoch wird das Baby nicht satt bzw. nimmt nicht ausreichend zu.
Dies sind mögliche Ursachen dafür, dass eine Frau nicht stillen kann:
- Nach einer künstlichen Befruchtung haben manche Frauen Probleme mit dem Stillen.
- Die Pille und andere Medikamente können die Milchbildung hemmen.
- Rauchen, Stress und zu wenig Essen können zu verminderter Milchbildung führen.
- Eisenmangel (z.B. nach starkem Blutverlust bei der Geburt) kann die Milchproduktion verringern. Ob das bei dir der Fall ist, kann ein Arzt oder sogar deine Hebamme feststellen.
- Wenn nach der Geburt ein Plazentarest in der Gebärmutter zurück bleibt, kann das zu verminderter Milchbildung führen. Normalerweise wird die Plazenta von der Geburtshebamme auf Vollständigkeit untersucht. Falls du aber nicht sicher bist, ob das bei dir so war, kann ein Frauenarzt einen Ultraschall deiner Gebärmutter machen. Weitere Symptome wären starker, länger andauernder Wochenfluss oder auch Schmerzen.
- Als Ursachen kommen auch Hormonstörungen in Frage. Nach der Geburt kann es beispielsweise zu einer Schilddrüsenunterfunktion kommen. Auch Insulinresistenzen wie bei Diabetes Typ-2 können die Milchbildung stören. PCO (Polyzystisches Ovarialsyndrom) kann mit einer Insulinresistenz einhergehen und ebenfalls die Milchproduktion hemmen.
- Anatomische Besonderheiten der Brust können dazu führen, dass das Milchdrüsengewebe nicht ausreicht. Das kann der Fall sein nach Verletzungen des Milchdrüsengewebes oder nach Operationen der Brust. Die Brust kann auch von vornherein zu wenig Milchdrüsengewebe haben, dann spricht man von einer hypoplastischen Brust, oder Mamma-Hypoplasie. Es gibt einige mögliche Ursachen, wie Traumata oder Verbrennungen. Oft ist unklar, weshalb zu wenig Milchdrüsengewebe angelegt ist.
Ich habe schließlich herausgefunden, dass ich zu den wenigen Frauen gehöre, die zu wenig Brustdrüsengewebe haben, um voll zu stillen.
ES IST WAHR – Manche Frauen haben einfach zu wenig Milch!
Woher weiß ich, ob mein Baby genug Milch bekommt
Zunächst mal solltest du in gutem Kontakt mit deiner Hebamme und/oder deinem Kinderarzt sein, denn die wissen schon ganz gut, wie ein gesundes, gedeihendes Baby aussieht und welche Kriterien es „erfüllen muss“.
ABER wenn die Zeichen dafür stehen, dass Zufüttern notwendig ist, weil dein Baby nicht ausreichend Milch bekommt, solltest du dich an eine Stillberaterin wenden.
Denn wenn zu wenig Milch das Problem ist, ist Pre-Nahrung nicht die (einzige) Lösung.
Außerdem kann eine Stillberaterin oft viel besser einschätzen, ob Zufüttern wirklich nötig ist.
Und zusätzlich kann sie überprüfen, ob das Problem in eurem Stillhandling liegt, oder ob vielleicht dein Baby nicht gut trinken kann.
Wenn das Baby gut trinkt, und die Ursache für die zu geringe Milchbildung bei dir liegen, dann kann es hilfreich sein, deine Frauenärztin aufzusuchen. Sie könnte folgende Untersuchungen durchführen:
- Ultraschall der Gebärmutter um zu überprüfen, ob Plazentareste vorhanden sind.
- Eine Blutprobe nehmen, um den Eisenstatus, den Blutzuckerwert und die Schilddrüsenhormone zu untersuchen.
- Ultraschall der Brust, um die Menge des Milchdrüsengewebes zu beurteilen.
Manchmal ist es gar nicht so leicht, die richtige Unterstützung zu finden. Meine erste Frauenärztin hat mich nach Hause geschickt, damit ich mich entspanne. Ich musste erst telefonisch nach einer anderen Frauenärztin suchen, die meine Nöte ernst nimmt und die bei mir einen Brustultraschall durchführt.
Kann ich trotzdem stillen?
Nicht vollstillen zu können kann eine enorme Kränkung darstellen.
Es kann extrem enttäuschend sein.
Es kann sich grässlich anfühlen, seinem Neugeborenen ein angerührtes Pulver füttern zu müssen.
ABER: Nur weil du zu wenig Milch hast, bedeutet das aber nicht, dass du überhaupt nicht stillen kannst. Im Gegenteil ist es sehr oft möglich, trotzdem erfolgreich zu stillen.
Das wichtigste ist dann nämlich, eine stillfreundliche Zufütterungroutine aufzubauen, um auf der einen Seite dein Baby mit genug Kalorien & Nährstoffe aus der Pre-Milch zu versorgen, aber auf der anderen Seite trotzdem entspannt weiter stillen zu können.
Und weißt du was?
Teilstillen kann soooooo schön sein (Quelle: eigene Erfahrung!).
Was bringt teilstillen überhaupt, fragst du?
Auch wenn du zu wenig Milch hast, ist Stillen gesund für dich und dein Baby. Es reguliert euch beide, es verbindet euch beide. Es kann, trotz Pre-Nahrung, der schönste Zeitvertreib der Welt zwischen Mutter & Baby sein.
Darum: Hole dir die Unterstützung, die du dafür brauchst.
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